fake works - die komplette story einer bitterbösen medienaktion
juli 2000

die zutaten für das aktuellste neil curtis projekt sind ungewöhnlich: ein erdbeben, 1.500 menschen (die in einem wohnblock im süden von wien wohnen) und das internet. die frage war: wie lange dauert es, 1.000 leute für eine getürkte geschichte zu interessieren?

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news_pfeil.gif (256 Byte)ein "fake", das ist die englische bezeichnung für "schwindel". ein fake ist ein scherz, ein lüge, ein böses spiel, das vielleicht aus einem anderen blickwinkel jedoch wiederum ein amüsantes sein kann. wie funktionieren fakes, ist der fake immer etwas böses, oder kann etwa der fake einer tragödie letztendlich doch lustig und unterhaltend sein? wir wollten es probieren, testen, schauen wie weit man mit dem hilfsmittel "internet" gehen kann – und zwar nur mit dem internet, denn wir wollten niemanden einweihen, keine gesetzesüberschreitungen machen (etwa durch spendenaufrufe oder falschmeldungen bei nachrichtendiensten). das ziel war es, 1.000 leute auf die falsche fährte zu locken, ihnen den fake zu "verkaufen".

der tag des 11.7.2000 bot sich für diese medienaktion perfekt an: in den frühen morgenstunden erschütterte das stärkste beben seit 20 jahren teile niederösterreichs und wiens. leute wurden aus dem schlaf gerissen, einige berichteten von wackelnden betten oder umgekippten büchern. keine tragischen auswirkungen also, aber trotzdem baute sich eine gewisse "erdbeben-untergangsstimmung" auf.

es galt, diese stimmung zu nutzen, und den medien-fake auf simple art und weise in umlauf zu bringen. getreu dem motto "was wäre wenn...?" entstand der plan zum fake, der schon von der grundüberlegung her mehr als unrealistisch sein sollte.

das szenario

als schauplatz diente der wohnpark alterlaa. in der wohnsiedlung im süden wiens wohnen etwa 10.000 menschen in 6, etwa 100 meter hohen wohntürmen. es bot sich an zu lancieren, daß der wohnturm block a1-4 ins schwanken geriet, sich um 5 grad richtung osten geneigt hätte und mehr als 1.500 leute aufgrund der gefahr aus ihren wohnungen für 2 stunden evakuiert werden mussten.

diese grundidee klang auf den ersten blick recht plausibel, auf den zweiten jedoch überhaupt nicht: kann sich ein erdbebensicher gebautes gebäude wirklich durch ein kleines erdbeben um 5 grad kippen lassen? kann eine derartige story wirklich wahr sein wenn keine medien darüber berichten?

ich machte die probe aufs exempel und testete die story am telefon an einem freund. er mußte darüber kräftigst lachen, empfand die story als unglaubwürdig und will mitmachen. ich akzeptiere und wolfram war mit im boot.

es geht los

als step 1 entsteht parallel eine webseite sowie gefakte fotos des fast umgekippten wohnturms a1-4. um alles noch unrealistischer zu machen produzieren wir die "beweisfotos" auf schwarzweiß und deuten mit roten pfeilen die neigung an. der zufall kommt uns zu hilfe, als via internet von einem bekannten aus niederösterreich eine anfrage hereinkommt: "ist bei euch in wien wegen des erdbebens etwas passiert? gab es schäden?" die antwort kommt leicht über die lippen: "ja, den a-block hat’s erwischt, hat sich geneigt, leute mussten evakuiert werden!" der fake beginnt, denn bei dem bekannten handelt es sich um einen radiomoderator aus niederösterreich...

step 2: die site ist fertig. sie ist absichtlich recht billig und simpel gestaltet – quer über die seite prangt ein reißerisches "exklusiv", rote riesenlettern verkünden "erdbeben in alterlaa – block a neigt sich!". die site könnte kaum unrealistischer sein: wir schreiben, daß sich der a-block um 7,5 meter geneigt hätte, und beschweren uns, daß die medien nichts über alterlaa und den umzukippen drohenden a-block schreiben. wir stellen die frage in den raum "wird der wohnblock komplett umkippen, oder kann man noch etwas retten?". am ende der site stellen wir aber die wichtigste frage: "warum nur, warum?"

step 3: die medien-satire kann beginnen: um punkt 11.30 uhr wird die site offiziell ins netz gestellt und der webcounter auf 0 gesetzt. der radiomoderator aus niederösterreich hat sich inzwischen wieder gemeldet, will wissen ob "das alles" nun wirklich stimmt, denn die medien berichten nichts darüber. dank seiner anfrage prüft die APA ob alles stimmt. die zeit drängt, wir schreiben einen kleinen kommentar auf der ORF-ON und auf der standard homepage, beschweren uns, daß das "erdbeben-unglück in alterlaa" totgeschwiegen wird und veröffentlichen unsere URL www.neilcurtis.com/mm.

kurze zeit später läutet erstmals das telefon, es sind freunde, die per zufall auf die aktion aufmerksam wurden. keiner der mich kennt glaubt die aktion, findet sie aber gut. die mundpropaganda beginnt ins rollen zu kommen, der counter wächst innerhalb kürzester zeit auf 250 hits an.

die ersten e-mails erreichen uns, leute fragen nach ob das alles echt ist, oder "nur" gut gelogen. die erste böse hate-mail erreicht uns ebenfalls. draußen beginnt es nun stark zu regnen, aber trotzdem erscheinen leute vor ort um das unglück zu begutachten. ein erboster "augenzeuge" schreibt: "das stimmt ja alles gar nicht! bin gerade mit dem fahrrad hingefahren und der block hat sich um keinen zentimeter verschoben!". offenbar funktioniert das experiment: fake works. aber noch haben wir keine 1.000 hits zusammen, wir stehen irgendwo bei der hälfte.

wir überlegen uns wie wir die satire weiterspinnen könnten, ob etwa der block umkippen "dürfe" oder nicht. da kommt uns der zufall entgegen: kurz vor 13 uhr beginnt ein kleines nachbeben, welches sich dadurch bemerkbar macht, daß mein computermonitor kurz und dezent wackelt. grund genug, die story weiterzuspinnen und eine zweite evakuierung zu simulieren: die site wird erweitert und unter "letzte meldung" wird von der erneuten panikartigen evakuierung berichtet. wir fragen: "wird es noch ein drittes, noch schrecklicheres nachbeben geben?".

wieder posten wir einen eintrag in das diskussionsforum von ORF-ON. fast gleichzeitig gibt’s wieder feedback und unsere zugriffe auf der site erhöht sich erneut schlagartig. mein provider ruft an und schnaubt: 750 hits innerhalb von 90 minuten sind eindeutig zu viele für seinen geschmack!

inzwischen meldet sich auch der radiomoderator aus dem waldviertel wieder, nach "nur" 3 stunden hat auch er den schwindel erkannt. der traum von der großen exklusiven meldung ist zerplatzt, nachdem ihm die APA bestätigt, daß absolut nichts in alterlaa passiert ist.

aber die sache zieht weiter große kreise, offensichtlich auch ins ausland: ein mieter aus dem a-block ruft von seinem urlaubsort bei der hausverwaltung an, und erkundigt sich ob noch "alles steht" oder ob seine wohnung bereits in schutt und asche liegt. der (uneingeweihte) mann von der alterlaa-hausverwaltung reagiert gelassen: "uns liegen keine meldungen vor, daß der a-block umgekippt ist".

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wolfram, mein kongenialer mithelfer zaubert nun ein neues indiz für den "fast umgekippten" a-block hervor: ein satellitenbild von alterlaa, er hat nichts daran geändert, außer einen roten Kreis um den a-block. ich mache das bild schwarzweiss und stelle es mit folgendem text auf die seite: "deutlich sichtbar am satellitenbild: der ,schräge turm von alterlaa‘ aus der perspektive von oben". selbst mit viel phantasie ist auf dem foto nichts schräg, aber: fake works.

neue verhaltensmuster

noch immer steigt der counter stetig, inzwischen ist es 13.50 Uhr, also genau 1 stunde nach dem nachbeben. wir erfinden ein neues "verhaltensmuster" der aus dem a-block evakuierten "opfer": sie beten in der wohnparkschen rundkirche. in der box "letzte Meldungen" veröffentlichen wir: "12.58: erneutes beben. 13.58: erneutes beten".

um den fake noch offensichtlicher zu machen, ersetzen wir dezent überall auf der site das wort "beben" durch "beten", auf der site dreht sich plötzlich nur noch alles um das große erdbeten und dem möglichen neuen nachbeten. der neue "religiöse touch" der site scheint auch andere zu inspirieren, in einer e-mail meldet sich die aktionsgruppe "kirche passiert" und schreibt uns, daß sie bereits "aussendienstmitarbeiter" zum unglücksort geschickt habe, denn "in zeiten, in denen sich ansichten und einstellungen neigen, müsse man besonders im herzen beten".

um exakt 14.54 uhr springt dann (endlich) der counter auf 1.000 zugriffe – wir haben das ziel erreicht, 1.000 Leute haben unsere Story geglaubt, wurden opfer unserer digitalen Medien-Aktion. fake works!


der aktuelle stand des counters sowie die "katastrophen-webseite" kann übrigens noch immer auf  www.neilcurtis.com/mm abgerufen werden.

wir danken gustav für den webspace -und das ist kein fake.